Zu Beginn soll eine Episode aus meiner frühen Zeit am Gymnasium stehen:
Wir sollten die Konstruktion einer Außentangente an zwei Kreise lernen, eine Kette von völlig abstrakten Konstruktionsschritten. Lehrer haben oft kein Verständnis, was sie Schülern damit antun, statt Assoziationen zu bereits bekannten Inhalten zu vermitteln und damit Erfolgserlebnisse zu bieten.
Einige Jahre später stieß ich wieder auf diese Konstruktion und Dank eines inzwischen besser entwickelten technischen Gefühls war mir sofort klar:
(1) Das ist doch nur eine parallel verschobene Konstruktion der Tangente an einen Kreis und die kann ich, weil ich weiß, dass
(2) die Tangente senkrecht zum Berührungsradius (oder Sehne durch den Mittelpunkt) steht und weil ich weiß, dass
(3) ein Dreieck, dessen Spitze einem Halbkreis folgt, dort immer einen rechten Winkel hat.
Nur durch die logische Verknüpfung dieser drei mir bekannten Teile kann ich diese Konstruktion und auch die von Innentangenten heute nach 45 Jahren noch spontan erledigen, ohne es jemals mehr geübt zu haben.
Mein Gedächtnis war noch nie meine Stärke, aber all die Jahre konnte ich mich auf mein "technisches Gefühl" verlassen und mein Detailwissen steckte überwiegend in einem Buch "Das Grundwissen des Ingenieurs", das ich etwa 1960 in Dresden kaufte. Es begleitete mich im Ingenieursstudium und das ganze Berufsleben lang.
Aber auch gute ostdeutsche Bücher mutierten im Laufe der Jahre vom leichtverständlichen Leitfaden für Praktiker zum akademischen Rätselbuch, dessen sieben Siegel ich mitunter nicht mehr zu brechen vermochte.
Ein junger Kollege fand vor einigen Jahren mein altes Buch so gut, dass er es sich antiquarisch - fast 45 Jahre alt - besorgte.
Als Elektrotechniker der Vor-Halbleiter-Ära begann ich in einer Automobilfirma und war erstaunt, wie oft ich Maschinenbauern bei der Festigkeitslehre unter die Arme greifen musste.
In der Zeit bekam ich die Aufgabe, Biegeschwingungen an Kurbelwellen zu untersuchen. Ich erinnerte mich, mal etwas von magnetischen Drehfeldern elektrischer Maschinen gehört zu haben, mit der Kernaussage: "Zwei Kreisdrehfelder verschiedener Amplitude und entgegengesetzter Drehrichtung ergeben ein elliptisches Drehfeld."
Dieser Ansatz und weil (mindestens 2) Wechselfelder ein magnetisches Drehfeld ergeben, sowie die passenden Formeln von Winkelfunktionen aus dem Buch "Mathematische Formelsammlung" - ebenfalls aus Dresden - ermöglichten mir die Lösung.
Mein damaliger Chef Herr St. erklärte vor einem größeren Kreis von Kollegen zu vorhergegangenen Versuchen: "Da waren Professoren bei uns, schrieben komplizierte Formeln an die Wand und Keiner hat etwas verstanden." Meine Bemerkung dazu, ich hätte mir das nur kurz überlegt, dann wäre es klar gewesen, löste in dem Kreis sofort schallendes Lachen aus.
Das Wesentliche meines Studiums befindet sich noch heute in einem einzigen Ordner, auch ein Blatt meines Vortrages zu Wechsel- und Drehfeldern von 1963. Mit den "akademischen" Formeln darauf geht es mir heute wie meinem Chef damals, aber mit dem Ansatz im Kopf und dem Buch in der Hand könnte ich das heute noch programmieren!
In dieser Zeit Ende der 60-er, Anfang der 70-er Jahre rutschte ich in die Datenverarbeitung, um solche Dinge auszuwerten. In keiner der in den folgenden Jahrzehnten verwendeten Sprachen außer FORTRAN konnte ich frei aus dem Kopf programmieren. Zunehmend arbeitete ich mit "Copy and Paste".
Nicht unerwähnt lassen möchte ich meine Lieblingssprache "APL", die mich 2 Jahrzehnte begleitete und von der ich 1994 gewaltsam getrennt wurde.
Viele Jahre lebte ich auf der Robinson-Insel "APL" im Host-Archipel und entfernte mich von der "realen" Technik, um ein Multiuser-, Multitasking-Datenbanksystem für Materialwirtschaft "mwsys" mit Stücklisten in Strukturen beliebiger Tiefe, Lagerverwaltung, automatisiertem Bestellwesen, Fertigungsplanung und Fertigungssteuerung zu erstellen und zu betreuen.
Zu Beginn der Umstrukturierungs-Tsunamis, die mich wie dereinst Odysseus an die wilden Gestade der PCs verschlugen, fragte mich nach 27 Jahren mein Chef Herr Fl., ob ich nicht eine andere interessante Tätigkeit in der Firma wüsste, die ich übernehmen könnte.
Ein vor mir weggespülter Kollege Herr Ma. bot mir die Vorentwicklung von Fahrzeugbordnetzen an, wovon ich natürlich nichts verstand aber trotzdem dankend annahm. Innerbetrieblich waren die anschließenden Zeiten teilweise sehr hart aber phantastisch in den Außenkontakten.
Weil mein Chef in dieser neuen Aufgabe Dr. Br. möglicherweise dort nicht hinreisen wollte, wurde ich 1994 nach Boston zum Massachusetts Institute for Technology (MIT) geschickt, um in einem kleinen illustren Team nach alternativen Bordnetzen zu suchen. Als wir fündig wurden, focht ich gegen den Wiederstand maßgeblicher Leute wie Dr. Bu. für die logische Nomenklatur 3 x 14V = 42V .
Mit der Erklärung genau diesen Zusammenhangs fand mein Name Einzug in die "Weltliteratur", auf die Titelseite des Hansen-Report (www.hansenreport.com) vom April 1998:
Dieter Blauensteiner .... explained that the present voltage is not really 12 volts: "The nominal voltage in today's vehicle is around 14 volts [voltage while your engine is running] - that's also the nominal voltage of the alternator, and 14 times three is 42".
Der Hansen Report aus New Hampshire wird weltweit gelesen, wenn auch nur von einer begrenzten Anzahl "Auserwählter".
Dr. Br. wollte auch, dass ich mit dem MIT - d. h. real mit einem Studenten vom MIT - Bordnetzsimulation mittels Accusim realisierte, nur weil das Tool schon im Hause war. Mein Beitrag dabei war, die nichtelektrischen Algorithmen zu entwickeln. Die Tests erstelle ich in EXCEL und bald ergänzte ich diese um elektrische Ansätze. Wenn auch mit EXCEL keine Kirchhoffschen Sätze umsetzbar waren, ein gewisses Maß an Rückkopplung konnte ich doch berücksichtigen. Ich nannte diese 6MB EXCEL swiftsim - "hurtig", weil eine Neuberechnung nur Sekunden dauerte.
Außer meinem Kollegen Dr. Sch. wollte jedoch kaum jemand von diesem funktionierenden Hilfsmittel etwas wissen. Und Accusim scheiterte letztlich, weil es keine gemischten Systeme konnte und Mechanik durch Elektrik nachzubilden Unsinn ist.
Die anhaltenden Tsunamis spülten die Chefs hin und her. Der nächste, Herr Ka. war anfangs nicht sehr an 42V interessiert, aber als es so aussah, dass daraus was werden könnte, entschloss er sich, von da an an meiner Stelle
Einige Jahre später wollte dann Niemand mehr das Geld für eine Umstellung auf 42V in die Hand nehmen.
Aber vorher, quasi als Abschiedgeschenk, lies Herr Ka. von Dr. Ri. das Simulationstool Saber beschaffen, bei dem ich vorerst nicht viel mehr als Spielereien sehen konnte.
Der Irrglaube, mit dem Kauf eines teuren Tools wären die Aufgaben gelöst, ist bei den Führungskräften nicht auszurotten! Im Gegenteil mit so einem Tool steigt erst mal für einige Jahre der Aufwand enorm.
Der nächste Chef war nun wieder Dr. Br., der meinte, jetzt müsste ich was von Saber verstehen. Die Formalismen dieses Tools blieben mir weitgehend fremd, aber mit "Copy und Paste" und dem mir nachgesagten Hang zum Perfektionismus und der Kunst, mich auf das Wesentliche beschränken, also in vertretbarem Maß zu vereinfachen, feilte ich an den logischen Inhalten, bis neuen Lösungen herauskamen.
Alle nichtelektrischen Algorithmen für Modelle konnte ich problemlos aus meinem alten EXCEL übernehmen. Von den erhältlichen Batteriemodellen war ich gar nicht begeistert, auch wegen deren Kosten. Aber es gelang mir selbst, ein Batteriemodell zu erstellen, das im Anwendungsbereich sogar geeigneter war.
Die letzte Umstrukturierung, die ich dann erleben "durfte", bescherte mir gleich drei neue Chefs in Reihe der Hierarchie. Als dann wegen Einstellungsstops auch noch mein Nachfolger aus dem "Fundus" zu bestreiten war, blieb niemand mehr übrig, der den Unterschied zwischen Netzwerk-Ansatz und Signalfluss-Ansatz (Conserved versus Non-Conserved) beurteilen konnte.
Wie es mit Propheten im eigenen Land so ist, wurde ich nur von "fremden" Fachleuten gefragt, darüber zu referieren. Intern konnte man die Schar meiner "Anhänger" leicht an einer Hand abzählen.
Alle meine Warnungen und die angebotenen Referenzen wie Dr. Schwarz, Fraunhofer Dresden oder Bausch-Gall sowie von weiteren Fachleuten wurden ignoriert.
Bei dem Tempo des Wechsels im unteren und mittleren Management fühlt sich keiner mehr verantwortlich. Niemand muss auslöffeln, was er eingebrockt hat und die Nachfolger kehren mit seltsamen Besen. Das System sorgt dafür, dass es de facto keine nachhaltige Verantwortlichkeit mehr gibt.
Vorträge - ich selbst hatte viele erlebt, in denen vollgeschriebene Seiten an die Wand geworfen wurden und der Vortragende noch mal was Anderes erzählte. Sollte ich schnell lesen oder zuhören, beides geht nicht wirklich - wo waren die wichtigen Aussagen versteckt?
Ohne schwerhörig zu sein, hatte ich zudem oft Probleme, den schnellen und undeutlichen Reden folgen zu können, d. h. die Nutzsignale vom Grundrauschen zu trennen, darin verborgene Muster von Informationen zu erkennen und dabei die Konzentration aufrecht zu erhalten.
Solchen Vorträgen konnte ich oft nicht folgen, das wollte ich besser machen. Hinzu kam mein schlechtes Gedächtnis. Wie sollte ich sicherstellen, den Faden nicht zu verlieren?
Also erstellte ich Power-Point-Präsentationen, bei denen jede wichtige Aussage einzeln nacheinander per Mausklick auf der Seite erschien. Ich wusste damit genau, was ich zu sagen hatte, die Zuhörer erlebten keinen Stress, hatten aber die Chance, nur das zu lesen, was sie vielleicht akustisch nicht verstanden hatten und ich konnte absolut locker plaudern - langsam, laut und deutlich genug!
Diese Präsentationen und meine Außenkontakte versüßten mir die letzten Jahre vor meinem gewollten Ruhestand. Unvergesslich wird mir die MUG im Oktober 2003 in Sonthofen (Mentor Graphics User Group Konferenz) insbesondere vom Rahmenprogramm her bleiben.
Meinen letzten "großen" Auftritt durfte ich am Fraunhoferinstitut in der Abteilung für Modellierung und Simulation in Dresden erleben.
Ausdrücklich bedanken möchte ich mich bei meinen Simulationskollegen vom VDA/FAT AK30 "Simulation gemischter Systeme mit VHDL-AMS" für die tolle Zusammenarbeit in meinen letzten Jahren.
Diese Kollengen schenkten mir zum Abschied Eintrittskarten für den Theaterkahn in Dresden. So ist Dresden in meinem beruflichen Werdegang zum A und O geworden, dem Anfang = Buch und dem Ende = Theaterkahn.